Natürliche Vorgänge nennt man Dinge, die der Mensch nicht beeinflussen kann. Naturgesetze sind die erforschten Abläufe und Wirkungen unseres Lebensraums. Theorien und Interpretationen dürften verschieden sein. Aber die Grundlagen sind unumstößlich. Das Bevölkerungswachstum in Asien und Afrika basiert nicht auf Naturgesetzmäßigkeiten. Ebensowenig die Abnahme in Deutschland und Europa. In unseren Breitengraden wollen politische Dogmatiker allerdings ein neues Naturgesetz erforscht haben: Vom „grundlegenden Trend der natürlichen Bevölkerungsabnahme“ sprechen beispielsweise die Autoren des neuen Haushaltssicherungskonzeptes der Wartburgstadt Eisenach.
Von Patrick Wieschke
Wir wissen: Seit es Politik gibt, gilt die Faustregel, daß, wer die Sprache bestimmt und die Begriffe besetzt, auch die Macht über das Denken besitzt. Und so verwundert es nicht, daß sich inzwischen bis in die untersten politischen Ebenen die „Naturgesetzmäßigkeit“ vom Schrumpfen der Deutschen festgesetzt hat. Wer hinterfragt heute schon noch die Vorgaben von Oben? Das Schrumpfen scheint oben gewollt und unten fahrlässig umgesetzt zu werden. Das Beispiel Eisenach macht deutlich, daß jegliches Handeln davon geprägt ist. Die eigene Steuerungskraft in der Bevölkerungspolitik scheint aufgegeben. Ja, von Bevölkerungspolitik wagt man gar nicht mehr zu sprechen. Und so kommt es eben, daß man mit dieser zweifelhaften Einsicht dem Trend der „natürlichen Bevölkerungsabnahme“ hinterherhechelt.
Als vollziehe sich ein weiterer Schritt in der Evolution, werden notwendig geglaubte Entscheidungen gefällt, damit sämtliche Lebensbereiche den neuen und sich verstärkenden Umständen Rechnung tragen. Zentralisierung der Verwaltung, Schließung von Schulen und Kindergärten, Stillegung von Bahnstrecken oder Rückzug des Busverkehrs aus der Fläche. Nichts lohnt vermeintlich mehr. Damit glaubt man Gutes zu tun, vor allem den öffentlichen Kassen. Kurz gedacht, meinen andere: Wo keine Schule mehr steht, will kaum mehr jemand wohnen. Wo kein Kindergarten mehr existiert, will kaum mehr jemand Kinder zeugen. Damit mangelt es in naher und in ferner Zukunft wiederum an jenen, die die Renten von morgen bezahlen und die Arbeit von übermorgen erledigen. Schon heute fehlt es an Pflegekräften, weil die Menschen immer älter werden. Der steigende Bedarf an Arbeitskräften stellte die politisch Verantwortlichen vor Rätsel. Da Geburtenförderung freilich nicht infrage kommt, müssen mehr Ausländer her. Die sollen die Deutschen, so scheint es, nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Staatsvolk von morgen ersetzen.
Sterben in der Wartburgregion
Wie sich der scheinbare Wille zur „natürlichen Bevölkerungsabnahme“ auswirkt, kann man auch in der Wartburgregion allerorten beobachten. Allein der Wartburgkreis hat nur in der Zeit von 1998 bis 2008 die Einwohnerzahl einer Kleinstadt verloren. Da gibt es zum Beispiel den Ort Klings im südlichen Wartburgkreis. Von dort aus hat man nicht nur die weiteste Strecke im gesamten Landkreis bis zur Autobahn zurückzulegen, sondern man kann auch hier nicht mehr einkaufen. Während andernorts ein Discounter den anderen jagt und praktisch eine Überversorgung von Ballungszentren besteht, gibt es vom Süden bis in den Norden des Landkreises mehr als ein Dutzend Orte ohne jede Einkaufsmöglichkeit. Hier und da kämpft man um einen Dorfladen, aber Überlebenschancen haben diese kaum. Eben weil es andernorts Discounter in Hülle und Fülle gibt – die aber freilich nur jene erreichen, die überhaupt motorisiert sind. Die anderen müssen sich auf fahrende Bäckereien oder Verwandte verlassen. Öffentliche Infrastruktur erreichen sie ebenfalls nur schwerlich, beispielsweise mit wenigen Bussen. Die von ihnen bezahlten Steuern landen vielleicht in Griechenland, nicht aber in der Sicherung ihrer Grundbedürfnisse. Und es trifft immer mehr Orte, von Klings bis Wiesenthal über Seebach nach Berka-Werra.
Es geht eben dank Privatisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche schlichtweg nur noch darum, daß alles gewinnträchtig ist. Und gewinnträchtig sind eben nicht wenig befahrene Bahn- oder Buslinien. Investitionen in kleine Busse zum Beispiel scheut man – schmälert ja schließlich die Bilanz. Aussterbende Dörfer dank „natürlicher Bevölkerungsabnahme“ bieten somit jenen genügend Argumentationsstoff, die ausschließlich ökonomisch denken und damit dem „Markt“ das Überleben ganzer Dörfer und Kleinstädte überlassen.
Politik feuert Teufelskreis an
Als beeinträchtigte die Preisgabe öffentlicher Infrastruktur und die Vorhaltung eines Mindestmaßes an Grundversorgungseinrichtungen den Gesetzen des Marktes das Leben in ländlichen aber auch städtischen Gebieten nicht ohnehin genug, treibt die Politik den Teufelskreis munter an. Mindestens grob fahrlässig muß es uns erscheinen, wenn im Zuge der aktuellen Haushaltssicherungsdebatte in Eisenach laut darüber nachgedacht wird, den Zuschuß für die Schülerspeisung erneut zu senken, Jugendeinrichtungen zu schließen oder Leistungen im öffentlichen Nahverkehr abzubauen. Den Städten und Gemeinden kann man zwar nicht vollständig ihre Finanznot zuschreiben, wohl aber eine Kurzsichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Wenn in der Eisenacher Oststadt, wie im letzten Jahr von den Stadtvätern erdacht, alle Schulen schließen: Welche Familien sollen dort noch leben? Wen animiert das dort noch zum Kinderkriegen? Im Wartburgkreis schlossen in den letzten zehn Jahren dutzende Schulen, zuletzt in Thal und Wutha-Farnroda. Unser Geld in und für alle Welt, aber Familien und Zeugungswilligen macht man es immer schwerer. Schon 2006 hatten allein in der Wartburgstadt bereits 10.000 Einwohner ein Einkommen von lediglich 500-900 Euro, weitere 13.000 zwischen 900 und 1500 Euro. Kombiniert mit teurer oder fehlender Infrastruktur stellt sich gar nicht mehr die Frage, warum es seit langem mehr Sterbefälle als Geburten gibt.
Logische Folgen
Wenn wir, wie eingangs beschrieben, davon ausgehen, daß es heute zur politisch korrekten Erkenntniswelt gehört, daß wir „natürlich“ immer weniger und immer älter werden, wird deutlich, daß es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt. Es wurde und hier kann von höchster politischer Stelle kein Zufall vorliegen, planmäßig dafür gesorgt, daß die Stellung von Kindern, Ehe und Familie entwertet wurde und daß ehrenamtliches Engagement eine Frage des Geldes wird. Die Akzeptanz des „demografischen Wandels“ wurde in die Hirne vieler Landsleute verpflanzt. Dazu gehört auch, daß viele meinen, es sei kein Geld für Schulen, Kindergärten, Spielplätze oder attraktive Gebühren vorhanden. Im Gegenteil: Deutschland ist zwar hoch verschuldet, aber nach wie vor reich.
Das Geld muß nur anders verteilt werden – „Deutsches Geld zuerst für deutsche Aufgaben“ muß ein oberstes finanzpolitisches Gebot werden. Aktuellen Studien zufolge erkennt die Mehrheit der Thüringer den „demografischen Wandel“ als das größte Problem dieser Tage an. Wichtig wäre an dieser Stelle nur, daß man damit nicht die moderierte Anpassung an das Sterben meint, sondern den Willen zum Politikwechsel. Damit unser Land auch morgen noch reich ist: Reich an Deutschen – und das überall!